Spezialfall – Männer im Pflegeberuf

Gepostet 18.10.2016, Ronny Arnold

Muss jemand in Spitalpflege oder altersbedingt in ein Pflegeheim, ist sie oder er dankbar für eine gute Betreuung. Doch was in Zeiten der Gleichberechtigung normal sein sollte, ist im Pflegeberuf noch immer eine Seltenheit: Männer im Pflegepersonal.

Männer in Pflegeberufen gehören noch immer einer deutlichen Minderheit an. (zvg)
Männer in Pflegeberufen gehören noch immer einer deutlichen Minderheit an. (zvg)

Auf der Suche nach zwei Männern im Pflegeberuf wurde ich erstaunlicherweise schnell fündig. Im persönlichen Umfeld haben vor kurzem zwei Bekannte die Ausbildung zum diplomierten Pflegefachmann HF gestartet. Doch bei diesen zwei Bekannten in der Pflege bleibt es eigentlich. Auch persönliche Erinnerungen an eigene Spitalaufenthalte prägen dieses Bild. Immer waren Frauen meine Pflegerinnen, welche zwar ihren Job immer sehr gut machten, aber nie traf ich auch einen männlichen Pfleger. Mich nimmt Wunder, woran dies liegt und ob sich vielleicht eine Veränderung abzeichnet.

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Der Maturant im Pflegeberuf

Pascal Arnold hat die Matura am Kollegium in Altdorf absolviert, bevor es ihn an die Universität Bern für das Sportstudium zog. Dort bestand er das Propädeutikum (Vorkurs) nicht, so dass er an der Pädagogischen Hochschule die Ausbildung zum Lehrer startete. Mit fortgeschrittener Dauer merkte der27-jährige Urner, dass er in diesem Beruf nicht seine Zukunft sah. Er rang sich zum Abbruch durch, um sich in einem Zwischenjahr mit Arbeiten neu zu orientieren. So entschied er sich, die neue Ausbildung zum Pflegefachmann HF in Angriff zu nehmen. Warum dieser Wechsel? Pascal Arnold: „Die Abwechslung und Vielfalt ist sehr hoch und ich muss immer etwas auf zack sein. Ich helfe den Patienten und bekomme auch etwas zurück. Die Arbeit ist zwar sehr intensiv, aber sie macht mir grosse Freude. Ich bin froh, diese Ausbildung gestartet zu haben.“ Seit 7 Monaten arbeitet Pascal nun im Kantonsspital Zug in Baar. Zur Schule geht er an die Höhere Fachschule Gesundheit Zentralschweiz (HFGZ) in Luzern.

„Ich helfe den Patienten und bekomme auch etwas zurück“

Der gelernte Koch als Pfleger 

Der Werdegang von Sascha Arnold ist zwar anders, aber auch nicht sofort in Richtung Pflegeberuf gelaufen. Der 24-jährige aus Altdorf absolvierte erfolgreich nach der Sekundarschule eine 3-jährige Kochlehre, danach absolvierte er seinen obligatorischen einjährigen Zivildiensteinsatz bei der Kindertagesstätte in Altdorf, bevor Sascha im ortsansässigen Fitnesscenter die Ausbildung zum Fitnessinstruktor mit eidg. Fachausweis bestand. Bereits während der Ausbildung ging es oft um den menschlichen Körper und die Gesundheit, so dass er sich entschloss, sich noch stärker darauf zu fokussieren. Sascha Arnold: „Durch Zufall habe ich erfahren, dass die Ausbildung zum Pflegefachmann HF auch als Quereinsteiger möglich ist. Danach habe ich mich in meinem Umfeld intensiv über den Beruf informiert und schnell festgestellt, dass er sehr meinen persönlichen Eigenschaften entspricht, da ich schon immer gerne Menschen in schwierigen Lebensphasen unterstützt habe.“ Seine praktische Ausbildung absolviert er  im See-Spital in Horgen, die schulische Ausbildung findet im Careum Bildungszentrum in Zürich statt.

„Ich habe schon immer gerne Menschen in schwierigen Lebensphasen unterstützt.“

 

Vor- / Nachteile als Mann im Beruf

Im Gespräch über ihre Vorteile als Männer in ihrer Ausbildung sind beide sehr zurückhaltend. Nach 7 Monaten Ausbildung sei dies noch schwer zu beurteilen. Sascha Arnold: „Von Vorteilen würde ich nicht sprechen. Aber wie überall denke ich schadet es nicht, wenn sowohl Männer wie auch Frauen gemeinsam in einem Team sind. Und ich bin überzeugt, dass es auch Patienten gibt die es schätzen, zwischendurch auch von einem Mann betreut zu werden. Pascal Arnold sieht dies ähnlich: „Vielleicht gibt es bei körperlichen Arbeiten wie dem Umlagern Vorteile, aber die Arbeit selber ist die gleiche, egal ob Frau oder Mann. Viele Patienten sind sich aber männliche Pfleger noch nicht gewohnt. Es kommt immer mal wieder vor, dass die Patienten zuerst denken, ich sei ein Arzt.“

„Es kommt immer mal wieder vor, dass die Patienten zuerst denken, ich sei ein Arzt.“

Wenn nach Vorteilen gefragt wird, stellt sich auch die Frage nach Nachteilen. Auch hier fallen den beiden Pflegern im ersten Moment keine Nachteile ein. Pascal Arnold: „Nachteile als Mann gibt es nicht wirklich. Es kann sein, dass sich sehr junge oder auch ältere Frauen etwas schämen, aber das kommt selten vor. Und wenn jemand aus religiösen Gründen nicht von einem Mann gepflegt werden möchte, gilt es dies zu respektieren und nicht persönlich zu nehmen.“ Sascha Arnold ergänzt: „Alle Vorteile können auch immer Nachteile sein. Es geht mir ähnlich wie Pascal, aber seit meinem Start sind mir ebenfalls fast keine Nachteile aufgefallen.

Männer in der Plfege sind immer noch sehr rar

Da männliche Pfleger eher der Einzelfall sind, betrifft dies auch die Zusammensetzung des Arbeitsteams. Auf diese Herausforderung angesprochen meint Pascal Arnold lachend: „Meist ist das Gesprächsthema weniger der Fussballmatch vom Vorabend, aber man passt sich schnell den Themen an. Es gibt schon hin und wieder Momente bei denen ich denke, dass ich davon definitiv nichts wissen sollte oder will. Aber eigentlich funktioniert dies sehr gut. Das Team hat mich toll aufgenommen.“ Ergänzend meint Sascha Arnold: „In der Praxis verläuft alles reibungslos. In der Schule war es anfänglich ein wenig speziell, weil man teilweise mit einer gewissen Distanz von den Mitstudierenden wahrgenommen wurde. Diese hat sich jedoch nach kurzem Abtasten schnell gelegt.“

Mit geschätzten 10 Prozent Männeranteil ist in beiden Betrieben die Situation sehr ähnlich. Unsere beiden Auszubildenden sind überzeugt, dass dies vor allem auch damit zusammenhängt, dass die Gesellschaft das klassische Bild der Krankenschwester im Kopf hat, was viele Männer abschreckt, diesen Beruf zu erlernen. Der nationale Zukunftstag vom 10. November 2016 will dort auch Vorurteile überwinden und stellt den diesjährigen Tag unter das Motto: „Seitenwechsel für Mädchen und Jungs. Auch die Aufgaben wie jemanden pflegen oder die Nähe zum Patienten sind für viele nicht „klassische“ Männeraufgaben. Spannend sein wird, ob mit fortlaufender Dauer dieses Bild der Gesellschaft sich der Realität anpassen wird. Denn der Pflegeberuf hat viele Sonnenseiten: Beide unserer männlichen Pfleger erfahren täglich viel Dankbarkeit, sei es von den Patienten oder auch ihren Angehörigen. Der Beruf ist gemäss beiden abwechslungsreich und bietet zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Auch hat die Schichtarbeit Vorteile, so dass man mal einen freien Tag unter der Woche geniessen kann, um zum Beispiel ungestresst einzukaufen.

„Mir fällt es teilweise noch ein Wenig schwer, nach der Arbeit abzuschalten.“

Zu den Schattenseiten im Pflegeberuf meint Sascha Arnold: „Mir fällt es teilweise noch ein Wenig schwer, nach der Arbeit abzuschalten. Gewisse Situationen gehen mir persönlich sehr nahe. Dass benötigt sicher Zeit und Erfahrung, welche einem hilft, besser damit umzugehen.“ Pascal Arnold dazu: „Ein Patient mit einer langen Krankheitsgeschichte oder jemand, der im frühen Alter schon Krankheiten hat, die einfach nicht sein sollten, geben auch mir zu denken.“ Auch die Schichtarbeit kann sowohl Vorteile wie Nachteile haben. Pascal Arnold: „Wir arbeiten oft an Wochenenden oder unter der Woche bis 11 Uhr, was einen doch teilweise etwas einschränkt. Vor allem dann, wenn jemand Kollegen treffen will oder in einem Sportverein aktiv ist.

Viele Weiterbildungsmöglichkeiten

Der Pflegeberuf bietet zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten, sei dies eine Spezialisierung für die Notfall- oder Intensivstation, für einzelne Fachgebiete oder auch den Weg selber zum Ausbildner von zukünftigen Pflegerinnen und Pfleger. Da beide erst am Beginn ihrer Ausbildung stehen, steht für sie vorderhand eine erfolgreiche Ausbildung im Vordergrund. Mit möglichen Weiterbildungen haben sie sich noch nicht beschäftigt und werden dies dann zur gegebenen Zeit angehen.

Die Ausbildung zur Pflegefachfrau/Pflegefachmann HF ist eine grosse Herausforderung und kein leichter Weg. Neben praktischen Fähigkeiten sind auch in der Schule Aufmerksamkeit und Lernarbeit gefordert. Doch ein erfolgreicher Abschluss bietet zahlreiche Möglichkeiten. Und die grosse Abwechslung garantiert jeden Tag aufs Neue eine spannende Arbeit. Vielleicht ist in ein paar Jahren der männliche Pfleger keine Seltenheit mehr und auch ich treffe bei meinem nächsten Spitalaufenthalt auf beide Geschlechter in der Pflege. Die Knappheit an Pflegepersonal lässt hoffen, dass es bald noch mehr Männer gibt, welche diese Ausbildung im Pflegeberuf in Angriff nehmen. Umso mehr gebührt denen der Respekt, die dieses veraltete Gesellschaftsbild aufreissen und sich für die Schwächsten unter uns engagieren.

Kurz erklärt: Ausbildung Pflegefachmann/Pflegefachfrau HF

Die dreijährige Ausbildung – gegliedert in 6 Semester – findet je zur Hälfte praktisch im Ausbildungsbetrieb und zur anderen Hälfte in der Schule statt. Die praktischen Einsätze und die schulische Ausbildung wechseln sich ab. Um die Ausbildung zu starten braucht es eine abgeschlossene Berufslehre EFZ, einen Fachmittelschulabschluss oder die gymnasiale Matur. Für Auszubildende mit der erfolgreich abgeschlossenen Lehre Fachangestellte/r Gesundheit (FaGe) ist die Ausbildung auch in zwei Jahren Vollzeit möglich.

 

Weitere Informationen

Puls Berufe – www.puls-berufe.ch

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