Gepostet 21.10.2026, Romy Niederberger
Lange galt das Gymnasium als sicherer Weg, um sich für die Arbeitswelt von morgen zu rüsten. Doch KI bringt diese Faustregel ins Wanken.
Jedes Jahr beginnt für viele Jugendliche in der Schweiz ein neuer Lebensabschnitt. Dieser erfolgt in einer Zeit des technologischen Umbruchs: Künstliche Intelligenz verändert Berufsbilder und Arbeitsabläufe. Doch wie gut ist die Schweiz auf diesen Wandel vorbereitet?
Die Antwort: Überraschend gut – was vor allem an der Struktur unseres Bildungssystems liegt. Das duale System aus Berufsbildung und akademischem Weg ist eine klare Stärke der Schweiz: Statt allen Lernenden denselben Weg aufzuzwingen, bietet das Schweizer Bildungssystem unterschiedliche Bildungspfade.
Fachwissen veraltet, Allgemeinwissen bleibt: Bislang ging man davon aus, dass Fachkräfte mit einer akademischen Allgemeinbildung flexibler auf Marktveränderungen reagieren. Wer abstrakt denkt und komplexe Zusammenhänge rasch erfasst, galt als deutlich resistenter gegenüber den Umbrüchen der Digitalisierung.
Doch die KI ist die erste Technologie, die direkt in kognitive Tätigkeiten eingreift: Sie verarbeitet multimediale Daten, analysiert komplexe Zusammenhänge, programmiert Software und steuert eigenständig ganze Arbeitsabläufe. Wie stark sich dieser Wandel in den kommenden Jahren auf dem Arbeitsmarkt zeigt, lässt sich noch nicht beurteilen.
Sicher ist jedoch: Die Folgen zeigen sich schon jetzt: Von einer KI ersetzt zu werden, bedroht derzeit insbesondere Einstiegspositionen im Büro- und Dienstleistungssektor wie z. B. in der Administration, der Finanzbranche, in der IT oder im Marketing.
Wer sich für eine Lehre entscheidet, steht ab dem ersten Ausbildungstag mitten im Berufsleben und sammelt kontinuierlich Praxiserfahrung. Das gibt Jugendlichen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt einen klaren Startvorteil gegenüber reinen Hochschulabgängern. Dies ist ein Vorsprung, der gerade in sich schnell verändernden Zeiten zählt.
Selbst wenn spezifisches Fachwissen durch die technische Entwicklung schneller veraltet: Praktische Erfahrung verliert nicht an Wert. Verlässlichkeit, Eigenverantwortung, lösungsorientiertes Denken und Teamarbeit erlernt man im Betriebsalltag und sie lassen sich nicht durch Algorithmen ersetzen.
Während Studierende Praxis im Studium meist selbst organisieren müssen, ist die Berufserfahrung in der Lehre fest im System verankert.
Ein wesentlicher Trumpf der Berufsbildung ist die Flexibilität. Da Branchenverbände und Betriebe die Ausbildungsinhalte aktiv mitgestalten, kann das System zügig auf neue Marktbedürfnisse eingehen. Es wird nicht erst nach Jahren der Theoriebildung reagiert, sondern es passiert direkt im Austausch mit der Praxis.
Berufe wie «Solarinstallateur/ Solarinstallateurin EFZ» oder «Entwickler/ Entwicklerin digitales Business EFZ» sind genau aus solchen aktuellen Bedürfnissen entstanden. In einem Zeitalter, in dem neue Technologien Berufsprofile stark verändern, wird diese Anpassungsfähigkeit zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
Komplett verschont bleibt die Berufsbildung jedoch nicht: Es gibt Ausbildungen, deren Tätigkeiten ein grosses Potenzial für Automatisierung aufweisen, wie beispielsweise den beliebtesten aller Schweizer Lehrberufe: die kaufmännische Grundbildung (KV).
Widerstandsfähiger zeigen sich handwerkliche und personenbezogene Berufe wie bei Malerinnen und Malern oder Coiffeusen und Coiffeuren. Da KI physische Präsenz, feinmotorische Fähigkeiten und den direkten Kundenkontakt (noch) nicht ersetzen kann, bleiben diese Berufe vorerst ungefährdet.
Welcher Bildungsweg sich heutzutage als der bessere herausstellt, lässt sich kaum vorhersagen. Die grösste Stärke der Schweiz liegt daher weder rein in der Lehre noch im Studium, sondern in der Durchlässigkeit des Gesamtsystems: Nach der Lehre steht der Weg an die Hochschule offen, und nach einem akademischen Abschluss lässt sich Spezialwissen in der höheren Berufsbildung ergänzen.
Ein Ratgeber des Bildungsportals Bildung-Schweiz.ch – Ihrem unabhängigen Schweizer Netzwerk für Aus- und Weiterbildung.
Autor: Romy Niederberger, Bildung-Schweiz.ch | Erstveröffentlichung: 21.10.2026