Wenn Stress zum unüberwindbaren Berg wird

Gepostet 19.06.2018, Martina Tresch

Jeder kennt es, kaum jemand spricht gern darüber: Stress. Daniel Schweizer gibt Seminare genau zu diesem Thema. Er verrät, wie er mit Stress umgeht und wo die Grenzen seiner Kurse sind.

Es ist möglich, zu lernen, mit Stress umzugehen. Foto: Fotolia / ra2 studio
Es ist möglich, zu lernen, mit Stress umzugehen. Foto: Fotolia / ra2 studio

Daniel Schweizer, was stresst Sie?

"Ungeklärte Beziehungen lösen bei mir Stress aus. Über die Jahre habe ich gelernt, bewusst solche Konflikte anzugehen und zu lösen."

Wie geht man mit Stress am besten um?

"Wichtig ist, zuerst die verschiedenen Erwartungsfelder zu akzeptieren und einzuordnen. Es geht hierbei um Erwartungen vonseiten des Jobs einerseits und Erwartungen von der Familie und von Freunden andererseits. Eine Auslegeordnung hilft dabei zu erkennen, welche Erwartungen erfüllt werden können und welche nicht – oder auch, welche man überhaupt erfüllen will. Es ist nämlich nicht möglich, auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Es geht auch darum, sich abzugrenzen."

Empfohlene Angebote

Mit dem eigenen Stress umgehen zu können ist das eine. Wie aber bringen Sie anderen Menschen bei, damit klarzukommen?

"Das ist echt schwierig und wir von der Swissmem Academy stellen uns tatsächlich die Frage, ob man überhaupt ein Stressseminar anbieten kann und soll. Dass wir dies trotzdem tun, hat zwei Gründe: Einerseits wollen wir Menschen, die sich für dieses Seminar melden, für die Erwartungen in ihrem Umfeld sensibilisieren. Andererseits wollen wir sie in eine Haltung des Handelns führen.  Konkret heisst das: Wir stellen ihnen Fragen zu ihrem Leben und zu ihrem Alltag. Wir ermutigen sie aber auch, ehrlich hinzuschauen und auch zur Einsicht zu gelangen: ‚Es ist nicht gut, dass ich dass ich am Ende bin.’ Wir wollen den Menschen zeigen, dass die Lebensqualität steigt, wenn sie gewisse Gewohnheiten verändern und Prioritäten setzen. Wir möchten sie andererseits aber auch in die Haltung hineinführen, in der sie erkennen, dass sie das Ruder selbst in die Hand nehmen müssen, das bedeutet auch, die Opfermentalität abzulegen."

Das klingt schon fast therapeutisch.

"Es hat in der Tat einen therapeutischen Ansatz, doch ich muss ganz klar betonen, dass wir keine Therapeuten sind. Wir bieten eine Schulung zum Thema Stress – ein Therapeut kann natürlich viel weiter gehen und viel nachhaltiger wirken. In unserem Seminar hingegen werden Grundlagen diskutiert und einfache Massnahmen definiert."

Daniel Schweizer ist Bildungsmanager bei der Swissmem Academy. Foto: zVg
Daniel Schweizer ist Bildungsmanager bei der Swissmem Academy. Foto: zVg

Welche Massnahmen sind das?

"Viel dreht sich um Präventionsmassnahmen, die Teilnehmenden sind angehalten, über ihre Prioritäten nachzudenken – eigentlich ganz simpel. Massnahmen können aber beispielsweise auch heissen, sich mehr zu bewegen oder Essensgewohnheiten umzustellen. Was wir machen, ist nicht weltbewegend, aber sehr pragmatisch in der Umsetzung. Beispielsweise hat eine Teilnehmerin den Tipp mit nach Hause genommen, auf ihrem Arbeitsweg eine Busstation früher auszusteigen und den Rest zu Fuss zu gehen. Dabei stellte sich heraus, das genau dies die perfekte Massnahme für sie war – sie profitierte enorm davon. Oft sind es ganz kleine Massnahmen, aber wenn die Leute diese konsequent umsetzen, können sie viel bewirken."

Wie brechen Sie jeweils das Eis zu Beginn eines Stressseminars?

"Zunächst ist es wichtig, die Leute mit der Kursausschreibung anzusprechen. Wenn ein Stressseminar mit dem Wort 'Stress' ausgeschrieben wird, meldet sich wohl kaum jemand an, denn es ist unangenehm sich einzugestehen, dass man Stress hat. Im Seminar selbst lege ich meine eigenen Erfahrungen offen. Ich erzähle den Teilnehmenden, dass ich mit 30 selbst einmal fast gegen die Wand gefahren bin und absolut erschöpft war. Ich zeige auf, dass ich nicht der Stressexperte bin auch ich nicht immer alles gleich gut im Griff habe. Genau das ist der Eisbrecher. Weiter stelle ich ihnen viele Fragen, die als Türöffner dienen."

Welche Fragen stellen Sie denn zum Beispiel?

"Zuerst lasse ich die Semniarteilnehmer ihr Umfeld aufzeichnen. Sie sehen sich mit der Frage konfrontiert: Was erwartet mein Umfeld von mir? Ich frage aber auch, wie gut sie schlafen, ob sie notorisch übermüdet sind und wie viel Bewegung sie haben. So skizziert zum Beispiel ein Teilnehmer, dass er seine Familie mit kleinen Kindern, die Feuerwehr und den Hausumbau unter einen Hut bringen will, das aber nicht kann – erst die Visualisierung von all dem zeigt ihm auf, dass das schlicht zu viel für ihn ist.“

"Ich kann zwar die Leute individuell ermutigen, dass sie für sich einige Fragestellungen beantworten, was aber die einzelne Person daraus macht, ist vollkommen ihr selbst überlassen."

Mit welchen Probleme wurden Sie schon in Ihren Seminaren konfrontiert?

"Unsere Seminarteilnehmer kommen hauptsächlich aus dem Produktionsumfeld in der Metall- und Maschinenindustrie. Durch die Geschwindigkeit am Arbeitsplatz, nicht zuletzt ausgelöst von der Digitalisierung, nimmt der Druck auf die Arbeitnehmer zu. So ist der Umgang mit der knappen Zeit, die Priorisierung und Unvorhergesehenes hauptsächlich das, was die Leute beschäftigt. Auch die Veränderungen in einem Betrieb, der Umgang der Mitarbeitenden mit dieser Veränderung und schliesslich die Überforderung mit der Situation sind Themen, mit denen sie im Seminar ankommen. Sie sehen einen riesigen Berg vor sich, sind in einer Ohnmachtssituation und wissen nicht weiter. Unser Ziel ist, die Mitarbeitenden mit den nötigen Werkzeugen auszustatten, damit sie in der heutigen Arbeitswelt gesund bleiben.“

Können Sie bei solch individuellen Problemen überhaupt auf jeden Einzelnen eingehen?

"Das ist in einem zweitätigen Seminar überhaupt nicht möglich und das kommunizieren wir auch ganz klar. Ich kann zwar die Leute individuell ermutigen, dass sie für sich einige Fragestellungen beantworten, was aber die einzelne Person daraus macht, ist vollkommen ihr selbst überlassen. Der Vorteil meines Seminares ist es ganz sicher, dass sich Leute treffen, die in einem ähnlichen Produktionsumfeld tätig sind. Diese Leute kommen in Kontakt – dabei entsteht eine ganz eigene Dynamik. Dieser Austausch wird ganz klar gefördert."

Hatten Sie schon Teilnehmer, die Sie beispielsweise an einen Therapeuten weiterverwiesen haben?

"Ja, das hatte ich schon. In diesen Fällen haben sich die Menschen zu viel erhofft. Sie kamen ins Seminar und hofften auf Ratschläge, echte Hilfe. Ich als Seminarleiter verbiete mir aber Coachinggespräche, ich kenne die Leute dafür nicht gut genug. Ich habe mir aber auch schon Gedanken gemacht und meine Beobachtungen an Drittpersonen weitergegeben oder aber auch die Teilnehmenden ermutigt, sich die richtige Hilfe zu holen.“

Tipps von Daniel Schweizer im Umgang mit Stress:

  • Die Erwartungen des Umfelds definieren – Job, Familie, Freunde
  • Prioritäten setzen: Nicht jede Erwartung kann und muss erfüllt werden
  • Kleine Massnahmen suchen und umsetzen, egal, wie klein sie scheinen
  • Massnahmen wie mehr Bewegung oder ein anderes Essverhalten können helfen, den Stress zu reduzieren

Zur Person

Swissmem ist der führende Verband für KMU und Grossfirmen der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie sowie verwandter technologieorientierter Branchen. Der Bereich Swissmem Academy bietet verschiedene Kurse an, darunter das Seminar „Leichter leisten“. Daniel Schweizer ist seit 2017 Bildungsmanager der Swissmem Academy und ist verantwortlich für den Fachbereich Selbstmanagement. Im Weiteren gibt er auch Seminare in den Bereichen Selbstführung und Zeitmanagement. Vor seiner Tätigkeit bei der Swissmem Academy war er während zehn Jahren Trainer.

 

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