Staatskunde für Erwachsene ist nicht auf politischer Agenda

Gepostet 28.07.2016, Myriam Arnold

Gymnasiasten, Berufsschüler und Migranten stehen in Sachen Staatskunde unter politischer Beobachtung. Dass es hingegen um die politische Bildung von Herr und Frau Schweizer nicht besser bestellt ist, interessiert in Bundesbern niemanden.

Staatskunde für Erwachsene ist nicht auf der politischen Agenda in Bundesbern. (© djama / Fotolia)
Staatskunde für Erwachsene ist nicht auf der politischen Agenda in Bundesbern. (© djama / Fotolia)

Staatskunde, die Lehre über das politische System der Schweiz, sorgte vor kurzem für Schlagzeilen. Ausschlag gab eine Studie der Universität Bern, die der Bundesrat in Auftrag gegeben hatte. Ziel der Studie war es herauszufinden, welchen Stellenwert der Staatskunde-Unterricht auf der Sekundarstufe II hat. Die Forschenden kamen zum Schluss, dass es um die Staatskunde in der Schweiz grundsätzlich gut bestellt ist. Doch würden sowohl Bildungsgänge als auch Sprachregionen die Vermittlung von staatskundlichen Bildungsinhalten sehr unterschiedlich umsetzen. So herrschen Unterschiede einerseits zwischen Berufsfachschulen und Gymnasien, andererseits zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz und dem Tessin.

Interessierter dank Politik-Unterricht?

Im Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen sagte Isabelle Stadelmann, die Leiterin der Studie, dass sich die Definition der politischen Bildung verändert habe. Früher sei es vor allem darum gegangen, Grundlagen des Wirkens des schweizerischen Staates und die staatsbürgerlichen Grundbegriffe zu vermitteln. Heute sei zudem wichtig, das Interesse am Thema Politik zu wecken. Annalise Russi, seit 2000 Berufsschullehrerin für Geschichte und Staatskunde am bwz uri, kann da nur zustimmen: „Es geht immer darum, Schülerinnen und Schüler für ein Thema zu begeistern. In Politik gelingt das am besten, wenn eine Abstimmung, eine Wahl oder eine aktuelle weltpolitische Frage ansteht, welche die jungen Leute verstehen und nachvollziehen können.“

„Es geht immer darum, Schülerinnen und Schüler für ein Thema zu begeistern. In Politik gelingt das am besten, wenn eine Abstimmung, eine Wahl oder eine aktuelle weltpolitische Frage ansteht, welche die jungen Leute verstehen und nachvollziehen können.“ Annalise Russi

Staatskunde verliert stetig an Gewicht

Social Media, Wikipedia und Co. würden der Berufsschullehrerin aber oft einen Strich durch die Rechnung machen. „Die Art der Argumentation auf den Plattformen ist zwar einfach verständlich, dafür aber oberflächlich und nicht fundiert.“ Sie sehe sich als Staatskunde-Lehrerin in der Pflicht, interessierte Schülerinnen und Schüler zu motivieren, dass sie sich umfassend informieren und sich politisch engagieren. Diese Motivations- und Überzeugungsarbeit braucht aber Zeit und die hat Annalise Russi immer weniger zur Verfügung: „Leider ist es so, dass die Stundendotation für Geschichte und Politik laufend gekürzt wird.“ Hatte sie vor zwei Jahren noch fünf Lektionen pro Woche, verteilt auf drei Lehrjahre, so sind es heute insgesamt noch drei Lektionen. „Diese Tendenz gefällt mir gar nicht. Ich bin oft entsetzt, wenn Berufsmaturanden der festen Überzeugung sind, dass beispielsweise die Schweiz in der heutigen Form bereits seit 1291 existiert“, sagt Russi.

Empfohlene Angebote

Politische Bildung für Erwachsene ist kein Thema

Aber nicht nur den Jungen bereiten staatskundliche Inhalte und Zusammenhänge offenkundig Mühe, sondern auch Erwachsenen. „Nicht wenige fühlen sich durch die komplexen Themen überfordert“, sagt Dr. Christian J. Jäggi, Geschäftsleiter des Vereins Inter-Active in Meggen, der Online-Kurse für Erwachsene unter anderem in Staatskunde anbietet (Interview siehe Kasten). Überforderung sei gemäss Jäggi mitunter ein Grund, warum sich gesetztere Bürgerinnen und Bürger ihrer Stimme enthalten und dem politischen Geschehen fernbleiben würden. Annalise Russi, selbst seit mehreren Jahren politisch aktiv, ist derselben Meinung: „Es sind nicht bloss die jungen Leute, die beim Wählen und Abstimmen überfordert sind.“

„Nicht wenige fühlen sich durch die komplexen Themen überfordert.“ Dr. Christian J. Jäggi

Der Bundesrat ist seit der Studie der Universität Bern gewillt, die Staatskunde auf Sekundarstufe II in der gesamten Schweiz weiter zu fördern. Er prüft deshalb Massnahmen wie einen Musterlehrplan sowie eine erhöhte Sensibilisierung der Lehrpersonen. Dabei lässt er die Erwachsenenbildung aussen vor, obwohl sie genauso in der Pflicht wäre. Konkrete Massnahmen gibt es laut dem Schweizerischen Verband für Weiterbildung (SVEB) jedenfalls nicht. Auch der Verband ist sich dem Nachholbedarf bewusst. „Politische Bildung für Erwachsene ist in der Schweiz mit Ausnahme der Migration aber kein grosses Thema“, sagt die SVEB PR & Kommunikationsleiterin Esther Derendinger. Bei der Ausarbeitung des Weiterbildungsgesetzes sei die Integration der Staatskunde zwar zur Debatte gestanden, sie wurde aber im Parlament nicht weiter verfolgt. So bleibt es den Bildungsanbietern selbst überlassen, ob sie Staatskunde fördern wollen und verkaufen können.

Ein bisschen Meinungsfreiheit zum Schluss

„Interessant ist, dass die Prüfung, die Einbürgerungsanwärterinnen und –anwärter in Politik- und Gesellschaftsfragen ablegen müssen, sehr anspruchsvoll ist“, sagt Annalise Russi, die in Uri diese Einbürgerungsprüfungen abnimmt. „Ich bin mir aber nicht sicher, wie viele Schweizerinnen und Schweizer diese Prüfung beständen.“

Das ist wahrhaftig ein interessanter Aspekt. Staatskunde für Erwachsene ist nicht auf der politischen Agenda – für Junge und Migranten hingegen schon. Dies, obwohl bei gesetzteren Generationen Staatskunde-Know-how ebenso mit Interesse an Politik und politischer Teilhabe korreliert wie bei jungen Erwachsenen. Warum sich einige Bürgerinnen und Bürger aus der Politik raushalten, ist bei solch einer Logik stückweit nachvollziehbar.

Interview mit Dr. Christian J. Jäggi


Wer ist die Zielgruppe Ihres Staatskunde-Online-Kurses?
Zielgruppe dieser Kurse sind alle an Fragen der Politik, des Staates und der Demokratie interessierten Personen, und besonders auch Angehörige weltanschaulicher oder religiöser Minderheiten und Gemeinschaften. Gerade Angehörige religiöser Minderheiten, die in der Schweiz nicht öffentlich-rechtlich anerkannt sind, haben da Nachholbedarf. Die Grundrechte in unserem Staate gelten für alle, unabhängig von ihrer weltanschaulichen, politischen oder religiösen Ausrichtung.

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Rückmeldungen zeigen, dass die Kursteilnehmenden die Thematik spannend finden und die Art der Aufbereitung der Themen schätzen.

Wie läuft dieser Online-Kurs genau ab? 
Alle unsere Kurse bestehen aus Lerneinheiten (pdf-Dateien), die in thematischen Bausteinen zusammengefasst sind. Jede Lerneinheit ist gleich aufgebaut, nämlich aus einer kurzen Zusammenfassung zu Beginn, dem Haupttext der Lerneinheit, einer Reihe von Kontrollfragen zum Inhalt der Lerneinheiten (Selbstkontrolle), einer Aufgabe, meist ein Fallbeispiel, weiterführenden und aktuellen Links zum Thema, einer ausführlichen Biografie mit Literaturangaben und – bei einzelnen Lerneinheiten – Texte im Anhang.

Der Kurs „Demokratie, Staat und Politik“ besteht aus drei Modulen: Das Modul 1 umfasst 12 Lerneinheiten zur Entstehung von Staat und Demokratie, das Modul 2 umfasst 17 Lerneinheiten zum Verhältnis von Staat, Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie Staatlichkeit, Krieg und Frieden und das Modul 3 besteht aus 8 Lerneinheiten zu Fragen der internationalen Politik.

Die Teilnehmenden arbeiten die Lerneinheiten durch und können uns per E-Mail oder telefonisch (Telefon-Tutoring) Rückfragen stellen.

Beim Nachdiplomkurs (CAS) Demokratie, Religionskonflikte und Ethik – der aus 40 Lerneinheiten besteht – lösen die Teilnehmenden ausserdem fünf Aufgaben (Fallbeispiele). Sie erhalten zu jeder Aufgabe ein ausführliches, individuelles schriftliches Feedback.

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