Religion im Alltag – eine Annäherung

Gepostet 09.08.2016, Gabriel Aeschbacher

Religion und Religionswissenschaften sind Begriffe, die einen wichtigen und grossen Beitrag zur Verständigung einzelner Menschengruppen leisten. Eine Betrachtung aus der Sicht eines katholischen Theologen.

Religion und die grosse Glaubensfrage - unzertrennlich miteinander verbunden. (© alexlmx / Fotolia)
Religion und die grosse Glaubensfrage - unzertrennlich miteinander verbunden. (© alexlmx / Fotolia)

Religion und Religionswissenschaften sorgen dafür, dass die Verständigung einzelner Menschengruppen, der verschiedensten Kulturen und Religionen erst möglich wird. Das sagt Theologe Bernhard Wyss (62), der seit fast einem Vierteljahrhundert im Einsatz steht – aber nicht mehr primär als Theologe, sondern als Internatsleiter an einer Privatschule, die sich christlich-humanistische Werte auf die Fahne geschrieben hat. Geht es nach ihm, reflektieren und fördern Religion und Religionswissenschaften die religiöse Beheimatung des Einzelnen und unterstützen gleichzeitig den interreligiösen Dialog. Habe jemand eine religiöse Beheimatung, führe dies zu einer grösseren Identität und ermögliche eine gewisse Offenheit gegenüber anderen  Kulturen und Religionen, ist sich Bernhard Wyss sicher. Religionswissenschaften beschäftigen sich im Weiteren mit den Glaubenszeugnissen der Bibel, mit den biblischen Gestalten und Geschichten. Auf der Grundlage der Glaubensüberlieferung werden Massstäbe für ethisches Urteilen und Handeln abgeleitet. Religionswissenschaften verbinden die religiösen Aspekte mit dem Alltag. Dazu beschäftigten sich die Religionswissenschaften mit Fragen der spirituellen Kompetenz. Fragen nach dem Woher, Wozu und Wohin werden gestellt, Ausdrucksformen von religiösen Motiven untersucht – Symbole, Bilder, Texte, Gebete oder Gottesdienste. 

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Religion im Alltag

Wer heute nach Biographien und Vorbildern suche, die nach ethischen Grundsätzen agieren oder auch ihre Religiosität glaubhaft leben würden, werde ein bisschen suchen müssen, schmunzelt Bernhard Wyss. Denn heute zu lesen, dass Fussballer Paul Pogba für rund 110 Millionen Franken zu Manchester United wechselt und dort pro Woche (!) über 350’000 Franken verdienen soll, macht es für den Menschen mitunter schwierig, nach Höherem zu streben als dem blossen Glänzen in Äusserlichkeiten. Und doch: Mit ein bisschen gutem Willen haben Religion und Religiosität jederzeit Platz im Alltag, wie Bernhard Wyss einräumt. Das heisst für ihn zum Beispiel, im Alltag achtsam zu leben, dem Menschen und seiner Umwelt Achtung entgegenzubringen, denn – unabhängig von Rasse und Kultur – habe jeder Mensch seine Daseinsberechtigung. Und auch gewisse Rituale gehören für Bernhard Wyss zu dem, was sich mit „Religiosität im Alltag“ umreissen lässt: „Der Morgen beginnt mit einer kurzen Reflexion, einer kleinen Lektüre, mit einem Wort oder einem Satz, der mich den Tag hindurch begleitet.“ Den sonntäglichen Gottesdienstbesuch pflege er regelmässig, aber nicht wöchentlich, sagt Bernhard Wyss – und ergänzt, dass er auf Wanderungen und kleineren Ausflügen gerne die Gelegenheit nutze, um kurz in Kapellen zu verweilen.

„Leider besteht die Kirche auch aus einem zentralistisch geführten und von Männern dominierten Verwaltungsapparat.“

Die Zukunft der katholischen Kirche

In seinen Ausführungen streift Bernhard Wyss auch die katholische Kirche. Sie bestünde aus vielen tollen Menschen. Sein Bild von der Kirche sei beeinflusst von Laien und vielen guten Profis. Und diese Menschen würden das Vermächtnis von Jesus weiter tragen. Klar indes ist für Bernhard Wyss, dass sich der Kreis der Interessierten und kirchlichen Teilnehmer in Europa sicher noch verkleinern werde. Bernhard Wyss geht mit der katholischen Kirche hart ins Gericht: „Die Kirche besteht leider auch aus einem zentralistisch und von Männern dominierten Verwaltungsapparat. Mit diesem schwerfälligen Apparat haben wir Schweizer, die uns demokratische Verhältnisse gewohnt sind, grosse Mühe.“ Mit Papst Franziskus wehe nun allerdings ein neuer Wind durch den Vatikan, was vielleicht dazu führe, dass längst fällige Erneuerungen angegangen würden, sinniert Bernhard Wyss.

„Die Hektik des Alltags ruft nach ruhigen Momenten, um in unser Inneres zu hören und Reflexionen anstellen zu können.“

Religion und die Wiedergeburt

Bleibt noch die Frage, was passiert, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben. „Für mich ist das menschliche Leben etwas Einmaliges. Von der Geburt bis zu meinem Tod lebe ich mit meinen mir geschenkten Fähigkeiten und Möglichkeiten. Im Verlauf meines Lebens erlebe ich Licht, aber auch Schatten. Ich mache einerseits Fehltritte und kann andererseits andere auf ihrem Lebensweg begleiten und ermuntern. Was nach dem Tod kommt, bleibt für mich ein Geheimnis.“ Bernhard Wyss verweist auf die christliche Botschaft, die von einem Weiterleben spricht. Er selber will sich überraschen lassen: „Viel wichtiger für mich ist, das Leben im hier und heute auszukosten, zu geniessen – immer jedoch in Verantwortung der kommenden Generationen.“

Religionen verschwinden nicht!

Laut verschiedenen Vorhersagen sollen Religionen langsam verschwinden. Geht es hingegen nach Religionsforscher Alan Cooperman, wird der Anteil an Menschen, die nicht religiös (Atheisten, Agnostiker oder Personen ohne bestimmte Religion) sind, sinken. Das mag für all jene überraschend klingen, die in Ländern wie Grossbritannien, der Schweiz oder den USA leben, wo die Zahl der Nicht-Religiösen steigt. Was dabei möglicherweise vergessen geht: Religiöse Frauen haben im Durchschnitt mehr Kinder als nicht-religiöse. Weltweit gleicht dieser «Fruchtbarkeits-Vorteil» der religiösen Bevölkerungsgruppe die steigende Zahl von Nicht-Religiösen in Europa und Nordamerika mehr als aus.

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