Gedächtnistraining – wie wir unsere grauen Zellen fit halten

Gepostet 21.12.2017, Martina Tresch

„Ich kann mir keine Namen merken, Zahlen erst recht nicht“ – wer sein Gehirn einem Fitnesstraining unterzieht, kann diesem alltäglichen Übel ein Ende bereiten. Gedächtnistraining im Alltag und was das Ganze mit Bewegung zu tun hat.

Training ist, wenns ums Gedächtnis geht, ein Schlüsselwort. (© Sergey Nivens / Fotolia)
Training ist, wenns ums Gedächtnis geht, ein Schlüsselwort. (© Sergey Nivens / Fotolia)

Gedächtnistraining – klingt anstrengend und ist was für die, die schon gut darin sind, könnte man zumindest denken. Dem ist aber keinesfalls so. Verschiedene Kurse werden angeboten, viele Trainer sind auf dem Markt und es gibt sogar eine Fachstelle für die Förderung des ganzheitlichen Gedächtnistrainings in der Schweiz – der schweizerische Verband für Gedächtnistraining. Muss man sein Gehirn aber tatsächlich trainieren? „Viele haben das Gefühl, in der Jugend sei das Gedächtnis noch im Schuss und mit zunehmendem Alter nimmt das Gedächtnis ab. Das stimmt aber überhaupt nicht.“ Der, der das sagt, ist seit über 20 Jahren Gedächtnistrainings-Profi: Kurt Hollenstein hat vom Lernenden bis zum Firmenchef schon die unterschiedlichsten Menschen trainiert. Tausende haben schon seinen Tipps gelauscht. In seinen Seminaren zeigt Kurt Hollenstein denn auch auf eindrückliche Art und Weise, zu was ein fast 70-jähriges Hirn im Stande ist: „Die Teilnehmer staunen, wenn ich jeden einzelnen Namen nennen kann, oder wenn ich die 36 Jasskarten aufzähle.“ Richtig verblüffen kann er sie aber dann, wenn er ihnen verspricht, dass sich jeder auf Anhieb 20 Gegenstände merken kann.

Gedächtnistraining heisst, das Kopfkino in Gang setzen

Wie das geht? „Alles beruht auf dem bekannten Kopfkino“, erklärt Kurt Hollenstein von Centre Patronal. So müsse man sich einfach von allem ein Bild machen ­– idealerweise mit allen Sinnen. Denn wer sich Wörter, Zahlen oder Namen mithilfe der Augen, der Ohren, der Nase, dem Tastsinn und dem Geschmackssinn einprägt, behält diese auch. Ein Beispiel: „Da sagt eine Frau, sie heisse Frau Gerber“, beginnt der 69-Jährige. „Dabei stelle ich mir gleich einen grossen Topf mit Gerber-Fondue vor. Gedanklich rieche ich das Fondue, ich schmecke es, ich spüre die Hitze.“ Et voilà! Garantiert vergisst man den Namen Gerber nicht mehr, verspricht der Profi. Und so funktioniere es eigentlich mit allem. „Was man dazu braucht, ist viel Fantasie und Humor. Man muss wortwörtlich zum Kindskopf werden“, führt er aus. Und mit diesem System lernen die Teilnehmenden, wie sie sich 20 Gegenstände im nu merken können. „Manche schliessen mit mir Wetten ab, denn sie glauben, sie können sich die Dinge niemals merken. Die meisten verlieren.“ In den Seminaren zeigt der Experte anhand von Übungen auf, wie man sich unterschiedliche Dinge mit genau diesem System einprägen kann – und zwar vorm Sternzeichen bis zu Zahlenkombinationen.

„Viele haben das Gefühl, in der Jugend sei das Gedächtnis noch im Schuss und mit zunehmendem Alter nimmt das Gedächtnis ab. Das stimmt aber überhaupt nicht.“

Wirkt gegen Kopfschmerzen und Müdigkeit

Und was nehmen die Teilnehmenden am Ende des Gedächtnistrainings mit? „Sie sollen das Gelernte nicht stur üben. Viel besser: Das erworbene Werkzeug im Alltag einsetzen“, rät der Profi, der schon als Jugendlicher ein gutes Gedächtnis hatte: „Ich konnte mir, wie auch schon meine Mutter, problemlos Telefonnummern und Autokennzeichen merken.“ Fasziniert von der Thematik bot er zuerst an Altersheimen und an Schulen Gedächtnistrainings an, bevor sich der ausgebildete Betriebsfachmann 1995 selbstständig machte. Die allermeisten Rückmeldungen auf seine Seminare sind sehr positiv. Doch er hat auch schon andere Reaktionen erhalten, wie Kurt Hollenstein verrät: „Mir wurde schon berichtet, dass alltägliche Müdigkeit verschwand und sogar Kopfschmerzen seltener geworden waren. Man fragte mich dann, ob dies mit dem Gedächtnistraining zusammenhänge.“ Tut es, ist sich der Experte sicher. Denn Müdigkeit komme oft daher, dass der Geist zu wenig bewegt werde, und auch der Rückgang von Kopfschmerzen sei nachweislich auf Gedächtnistraining zurückführbar, betont der 69-Jährige, der noch während eines Jahres Kurse anbieten wird. „23 Jahre lang habe ich mit Begeisterung ganz unterschiedlichen Menschen weitergeholfen.“ Ende nächsten Jahres wolle er etwas kürzertreten – doch den Geist werde er auch dann noch regelmässig trainieren.

„Alle Inhalte, die mit Bewegung verbunden sind, sind auch gut vernetzt. Gut vernetzt heisst, man kann sie gut abspeichern und später effizient abrufen.“

Gedächtnistraining mit Bewegung

Training ist, wenns ums Gedächtnis geht, ein Schlüsselwort für Sabrina Erni von der W1nner Akademy. Sie ist ebenfalls Gedächtnisexpertin. Doch ihr Kurs ist tatsächlich auch Training für den Körper. „Wir arbeiten mit einer Methode, die auf Bewegung aufbaut – sie ist dynamisch, bewegt und doch konzentriert“, erklärt die ausgebildete Pädagogin, die die Methode Bewegtes Brain-Training mitentwickelt hat. Sabrina Erni gibt seit acht Jahren Kurse – sowohl für Kinder ab 8 Jahren als auch für Erwachsene, Sportler oder Senioren. Ausserdem bildet sie Gedächtnistrainerinnen und –trainer aus. „Von leistungsorientiert, bis hin zu Schwierigkeiten beim Lernen, egal ob physisch noch total fit bis hin zu körperlich eingeschränkt sind wirklich alle bei unseren Kursen willkommen.“ Während es in den Kursen für ältere Personen eher darum geht, die vorhandenen Fähigkeiten zu stärken und zu erhalten, würden Sportler das Training nutzen, um ihre Handlungsgeschwindigkeit, ihre Wahrnehmungsleistung sowie ihre Konzentration zu stärken. Bei Kindern sieht der Kursinhalt wieder anders aus, denn diese müssen möglichst viele, variantenreiche Reize verarbeiten können. Den Kindern, erklärt die Expertin weiter, hilft der Kurs insbesondere in der Schule: Lehrpersonen hätten des Öfteren zurückgemeldet, dass das Kind plötzlich schneller, konzentrierter und effizienter arbeitet.

Sabrina Ernis Tipp fürs Gedächtnis

„Über verschiedene Kanäle abspeichern, also Informationen hören oder selbst vorsprechen, Information anschauen und eventuell noch greifbar machen. Je ganzheitlicher eine Information wahrgenommen wird, umso mehr Möglichkeiten hat das Gehirn, diese zu verknüpfen.“

Überforderung als Trainingsmittel

Ob jung oder alt – die Kurse von Sabrina Erni beruhen auf einem einfachen Prinzip: „Alle Inhalte, die mit Bewegung verbunden sind, sind auch gut vernetzt. Gut vernetzt heisst, man kann sie gut abspeichern und später effizient abrufen.“ Motorische Übungen bilden die Grundpfeiler der Kurse. Diese sind so gestaltet, dass das Zusammenspiel von physischen und kognitiven Aufgaben eine Überforderung auslöst. Eine, an der das Gehirn wächst. Ein Training, das alles andere als staubtrocken sei: „Wir haben Spass, spielen bewegen uns.“ Die Übungen sind spielerisch aufgebaut und fangen immer einfach an, werden jedoch rasch schwieriger, erklärt die Trainerin. Ziel ist es, in der Überforderung immer noch handlungsaktiv und stabil zu bleiben – hier spielen unter anderem auch die Wahrnehmung, die Konzentrationsfähigkeit oder das Entscheidungsverhalten eine wesentliche Rolle. „Wir trainieren unseren Kopf und merken danach im Alltag klare Fortschritte dieses Trainings.“ Merkstrategien, führt sie aus, gibt es in ihren Kursen viele. „Wir versuchen, verschiedene Ideen und Möglichkeiten sichtbar zu machen. Wie es jeder einzelne dann umsetzt kann er im Training herausfinden oder üben. So entsteht Bewusstsein für einen persönlichen Weg und eigene Strategien.“ Entscheidend beim Gedächtnistraining ist aber schlussendlich, betont Sabrina Erni, dass man regelmässig an seinem Gehirn arbeitet.

Mit diesen Tipps von Kurt Hollenstein kann man sich Dinge besser merken:

  • Interesse ist die Grundvoraussetzung, um etwas in unser Gehirn aufzunehmen
  • So viele Sinne wie möglich in Verbindung bringen
  • Kopfkino: Ein Film erhöht die Anzahl von Bildern und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns etwas besser merken
  • Assoziation: Sobald wir an einen Begriff denken, fallen uns spontan viele andere Begriffe ein
  • Humor steigert die Merkfähigkeit
  • Fantasie ist einer der Ecksteine unseres Gedächtnisses – je öfter man sie anwendet, umso besser funktioniert sie
  • Farbige und einprägsame Symbole verbessern die Gedächtnisleistung erheblich
  • Farbige Notizen sind einprägsamer als bleistiftgraue Eintragungen
  • Übertreibung hilft, die Aufmerksamkeit auf eine Detailinformation zu lenken – je absurder, verrückter und abstrakter, desto besser