Die Berufslehre ist attraktiv wie nie

Gepostet 24.01.2017, Gabriel Aeschbacher

Viele Unternehmen tun sich schwer, offene Lehrstellen optimal besetzen zu können, obschon die Berufslehre so attraktiv wie nie zuvor ist. Urs Casty, Inhaber und Geschäftsführer von yousty.ch, der grössten Berufswahl- und Lehrstellenplattform in der Schweiz, kennt das Problem. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Urs Casty, Experte in Lehrstellenfragen, kennt sich aus, wenn es um die Berufslehre geht.
Urs Casty, Experte in Lehrstellenfragen, kennt sich aus, wenn es um die Berufslehre geht.

Berufslehre, weiterführende Schule oder vielleicht doch ein Zwischenjahr. Jugendliche haben heute die Qual der Wahl, sind aber auch häufig überfordert. Urs Casty weiss, wie die Berufslehre zum Erfolg für alle Beteiligten wird.

Urs Casty, wie präsentiert sich die Situation bezüglich Berufslehre Ende Januar 2017?

Urs Casty: «Die Situation auf dem Lehrstellenmarkt hat sich über die letzten Jahre verändert: Es gibt mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende! Diese Entwicklung ist seit 2010 ersichtlich und wird sich auch 2017 zu bestätigen, wobei es derzeit noch über 30’000 offene Lehrstellen gibt.»

„Oft haben Jugendliche heute keinen Plan B als Alternative zur Berufslehre.“

Viele Firmen haben Schwierigkeiten, ihre Lehrstellen besetzen zu können. Ist das nur eine Frage dieses Überangebotes?

«Der Lehrstellenmarkt wird aus demographischen und gesellschaftlichen Gründen immer anspruchsvoller. Die Jugendlichen haben zwar die Qual der Wahl, da ein Lehrstellenüberschuss besteht. Sie beschränken sich aber auf immer weniger Lehrberufe und haben keinen Plan B als Alternative zur Berufslehre. Wenn sie keine Lehrstelle in ihrem Traumberuf finden, besuchen sie das 10. Schuljahr oder absolvieren ein Zwischenjahr. Dies zwingt Unternehmen, sich vermehrt mit der Methode der Nachwuchs- und Talentgewinnung auseinandersetzen zu müssen.»

Empfohlene Angebote

„Eine wirkungsvolle Internetpräsenz ist für Firmen heute das A und O.“

Welche Rolle spielen dabei Berufsmessen und Berufswahl-Anlässe?

«Berufsmessen bieten auf kleinem Raum erste Einblicke in die Vielfalt der Lehrberufe und können erste Interessen bei den Jugendlichen wecken. Berufsmessen sind deshalb der Startschuss zu praktischen Erfahrungen. Wenn man sich dann für einige Berufe interessiert, sollte man danach möglichst viele Berufswahl-Anlässe oder Schnuppertage besuchen. Ich empfehle allen, verschiedene Berufe erkunden zu gehen. Nur so merken Schülerinnen und Schüler, welche Lehrberufe passen und vor allem auch, wo das Klima in der Firma stimmt. Die Wichtigkeit dieser Anlässe ist also nicht zu unterschätzen. Lehrstellensuchende sollten diese Chance unbedingt nutzen, damit sie sich ein Bild zur Berufslehre machen können.»

Wo liegen denn die grössten Schwierigkeiten für Firmen, ihre Lehrstellen optimal besetzen zu können?

«Lehrstellensuchende fühlen sich oftmals nicht angesprochen und finden zu wenig jugendgerechte Berufs- und Lehrstelleninformationen. Das Erscheinungsbild, die Informationen sowie die Kanäle, wo die Berufslehre ausgeschrieben ist, sind sehr wichtig. Früher war es Standard, Hochglanzfotos zu produzieren und sich in Broschüren oder auf Flyern in ein möglichst gutes Licht zu rücken. Von der heutigen Generation, die mit Internet und Social-Media-Tools aufwächst, wird ein deutlich authentischerer Auftritt gefordert. Eine Firma muss bei Schülern und Eltern „sichtbar“ werden. Dazu gehört es, im Internet einen jugendgerechten Auftritt zu etablieren. Das sind sich die meisten Firmen noch nicht gewohnt oder sie fürchten den Aufwand dieser Investition.»

Dann liegt das Problem nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch bei den Firmen?

«Das ist richtig. Und so einfach wie jetzt – mit Internet – war es noch nie. Bereits mit einfachen Massnahmen und einem kleinen Budget kann eine Firma überzeugen: Bilder der Firma, des Arbeitsortes, der Berufssituationen, der Tätigkeiten und vor allem des Teams, also des Berufsbildners und der Lernenden geben den Schülerinnen und Schülern wichtige erste Einblicke zur Berufslehre. Ideal wäre die ganze Information auch in Videoformat. Der Schüler will wissen, wie es im Betrieb aussieht, wie sich sein Team zusammensetzt und wo sich der Arbeitsplatz befindet. Fühlt er sich angesprochen, so bewirbt er sich viel eher. Unternehmen, welche sich aktiv für die Berufsbildung einsetzen und mit der Zeit gehen, haben ganz klar weniger Probleme, ihre Lehrstellen zu besetzen. Da über 70 Prozent der Schüler vor allem das Internet zur Lehrstellensuche nutzen, ist eine gute Internetpräsenz das A und O.»

Ob eine Lehrstelle besetzt werden kann, ist nicht zuletzt auch eine Frage der Branche. 

«Laut Lehrstellen-Barometer 2016 waren folgende Branchen besonders beliebt: Büro und Informationswesen, Gesundheits- und Sozialwesen, Informatik und Landwirtschaft. Auf yousty.ch wurden 2016 folgende Lehrberufe am häufigsten gesucht: KV, Detailhandel, Betreuung und Kinderbetreuung, medizinische Praxisassistenz, Mediamatik, Polydesign 3D und Informatik. Vor allem in handwerklichen Berufen – gute Beispiele hierfür sind Elektro-, Heizungs- und Sanitärintallateur – können Lehrstellen oft nicht besetzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Schüler den Anforderungen einer Berufslehre schlicht nicht genügen.»

Heisst dies, dass die Schulabgänger zu wenig auf den Einstieg in das Berufsleben vorbereitet sind?

«So generell kann man das nicht sagen. Die Jugendlichen stehen meiner Meinung nach vor zwei grossen Hürden: Eine realistische Selbsteinschätzung sowie gute Information über Berufe und Arbeitgeber. Viele Jugendliche haben Probleme, ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen zu erkennen. Es kommt oft vor, dass sich die Jugendlichen selbst überschätzen, also ein verzerrtes Selbstbild haben und sich zu wenig neutral betrachten beziehungsweise die Anforderungen der Berufe unterschätzen. Oftmals kennen die Schüler nicht mehr als fünf bis zehn Lehrberufe und interessieren sich maximal für drei – und dies, obwohl es über 230 Berufslehren gibt!»

Was lässt sich dagegen unternehmen?

«Meine Empfehlung ist, dass man sich aktiv mit einem Plan B befasst und möglichst viele Berufe schnuppern geht. Zuerst Online – im Internet – dann vor Ort. Es gilt, gute Berufsinformationen zu finden und sich ein Bild der Arbeitgeber zu machen. Die Menschen am künftigen Arbeitsplatz sind wichtig für den Lehrerfolg. Online-Schnuppern bei yousty.ch und das Schnuppern vor Ort sind die wichtigsten Aktivitäten.»

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