Journalismus: ein Appell an die Praxis

Gepostet 01.07.2016, Myriam Arnold

Viele träumen vom Journalismus. Der Berufseinstieg ist wie der Berufsalltag herausfordernd. Wie er dennoch gelingt? Drei junge Journalisten appellieren an die Praxis, dem Schlüssel zum Erfolg.

Illegale Machenschaften, fragwürdige Geschäfte oder Missstände aufdecken und mit der breiten Öffentlichkeit teilen: Was in internationalen Bestsellern oder Blockbustern mit viel Action, Blut und Chaos aufgebauscht wird, passiert in Redaktionen tagtäglich. Auch in der Schweiz. „Bei einer heissen Story fühle ich mich beinahe wie in einem Krimi“, sagt Florian Arnold (27) aus Altdorf, Lokaljournalist bei der Neuen Urner Zeitung (Neue UZ). Adrenalin macht sich breit – ganz ohne Stuntmen und Spezialeffekte.

Das Gefühl des Adrenalinstosses, der einem die journalistische Tätigkeit geben kann, kennt Anna Zöllig aus Winterthur. Die 24-Jährige moderiert die Radio-Kindersendung Zambo auf SRF1: „Sobald das Mikrophon läuft, heisst es Showtime.“

„Sobald das Mikrophon läuft, heisst es Showtime.“
Anna Zöllig

Abwechslungsreicher Berufsalltag

Der Beruf des Journalisten bzw. der Journalistin findet derart viele Bewunderer nicht nur wegen des Adrenalinkicks und der Möglichkeit, Enthüllungsgeschichten zu publizieren oder live durch Sendungen zu führen, sondern auch aufgrund seiner Vielseitigkeit. „Kein Tag in der Redaktion verläuft wie der andere. Man kommt mit den verschiedensten Themen von Kultur über Gesellschaft bis Politik in Berührung und lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen“, erklärt Florian. Ähnlich sieht das Michelle Feer (26) aus Winterthur, Videojournalistin bei Video-Artwork und beim TVO: „Mit jedem Beitrag lerne ich etwas Neues dazu. Das hält mich auf Trab.“

Viele Wege führen in den Journalismus

Die Radiomoderatorin, der Lokaljournalist und die Videojournalistin sind zwar in demselben Berufsfeld tätig, ihre Wege in den Journalismus könnten aber nicht unterschiedlicher sein. Während die beiden Frauen bereits seit der Kindheit von den Medien träumen, rutschte der Urner zufällig hinein: „Als Student habe ich als Nebenjob begonnen, für die Neue UZ zu schreiben. Als es mit dem Studium nicht klappte, erhielt ich bei der Tageszeitung eine Festanstellung und die Gelegenheit, die Diplomausbildung Journalismus am MAZ zu absolvieren.“ Die Schweizer Journalistenschule in Luzern bildet Medienschaffende aus, die sich in einer Festanstellung oder in einem Praktikum befinden. „Während zwei Jahren absolvierte ich 90 Kurstage am MAZ. Die einzelnen Kurse konnte ich mir mit Ausnahme von einigen Pflichtkursen nach den eigenen Interessen zusammenstellen.“

„Im Journalismus ist es wie beim Autofahren: Wenn man fahren kann, aber die Verkehrsregeln nicht kennt, kommt es zu Unfällen.“
Florian Arnold

Praxis und Theorie: Entscheidet die Mischung?

Dabei setzt das MAZ auf Praxisnähe, die laut den drei jungen Journalisten zweifelsfrei in eine gute Ausbildung gehört. „Ein Studium alleine ebnet dir nicht den Weg in den Journalismus“, sagt Anna, die im sechsten Semester Kommunikation mit Vertiefung in Journalismus an der ZHAW studiert und gerade die Bachelor-Arbeit schreibt, „das Handwerk wie Recherchieren, Schreiben oder Redigieren lässt sich vielleicht schon in einer schulischen Ausbildung erlernen, aber am besten und sinnvollsten klappt es in der Praxis.“ Aus diesem Grund habe sie schon vor dem Studium begonnen, bei toxic.fm erste Erfahrungen im Radiomachen zu sammeln. „An der ZHAW habe ich zusätzlich Theorien gelernt, Denkprozesse durchgemacht und Kontakte geknüpft, die mir nun sehr hilfreich sind.“

Florian sieht ebenfalls in der Praxis die wichtigste Ausbildungsstätte, räumt der Theorie aber ihren berechtigten Platz ein: „Im Journalismus ist es wie beim Autofahren: Wenn man fahren kann, aber die Verkehrsregeln nicht kennt, kommt es zu Unfällen.“

„Heute braucht es sogar für ein Praktikum oder ein Volontariat
erste Erfahrungen.“
Michelle Feer

Erfahrung bereits für Praktikum nötig

Praxiserfahrung ist das A und O, um im Journalismus Fuss zu fassen. Das war nicht immer so. „Früher war der Quereinstieg in den Journalismus sehr verbreitet, man musste einfach einigermassen gut schreiben können“, sagt Michelle. „Heute braucht es sogar für ein Praktikum oder ein Volontariat, wo man notabene gratis arbeitet, erste Erfahrungen.“ Sie habe den Quereinstieg dank ihres Durchhaltevermögens geschafft. „Nach einem längeren Praktikum fand ich keine Festanstellung und musste ein zweites Praktikum absolvieren. So läuft es heutzutage – willkommen in der Generation Praktikum“, meint die Videojournalistin augenzwinkernd. Wer früh wisse, dass er beziehungsweise sie den journalistischen Weg einschlagen möchte, dem empfiehlt die 26-Jährige, sodann für kleinere Zeitungen ein paar Artikel zu schreiben. „Das hilft später beim Einstieg.“

Neugierig, belastbar und kritikfähig

Ein guter Journalist bringt neben einem mit Erfahrung gefüllten Rucksack Charaktereigenschaften wie Neugier, Offenheit und Kritikfähigkeit mit. „In unserem Beruf sollte man zudem fair und skeptisch sein“, sagt Florian, denn oft würde versucht, Medien für die eigenen Zwecke zu missbrauchen. Anna ergänzt Belastbarkeit und eine Riesenportion Leidenschaft: „Der Journalismus, insbesondere der Tagesjournalismus, kann hart und stressig sein. Es kann Kritik von jeder Seite hageln. Besonders in diesen Zeiten hilft es zu wissen, dass man seinen Job trotz allem halt einfach gerne macht.“

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Weiterbildung ist gefragt

Journalismus ist ein Beruf, der unermüdlich fordert. Sei es vor dem Berufseinstieg oder mitten im Berufsalltag. „Wie in anderen Berufen muss sich auch der Journalist von heute für das Morgen wappnen“, so Michelle. Wie der 27-jährige Lokaljournalist einst absolviert sie derzeit die Diplomausbildung Journalismus am MAZ. Gemäss Anna sollten die Journalisten der Zukunft gar Vielkönner sein: „In unserer multimedialen Kommunikationsgesellschaft ist es sehr wichtig, sich nicht nur auf ein Medium zu fokussieren, sondern überall ein bisschen hineinzuschauen.“ Wie gesagt, der Journalismus ist anspruchsvoll – deshalb ist er für viele ein Traumberuf.

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